Probenbericht Projekt 1


09.03.2007

Das Ganze im Blick

Tübinger Ökumenisches Kammerorchester am Sonntag mit Benefiz-Debüt


TÜBINGEN (ach). Jenseits der konfessionellen Grenzüberwindungen bedeutet
das griechische Wort „Ökumene“ ursprünglich „der von Menschen bewohnte
Siedlungsraum“. Über den Tellerrand hinausschauen, immer auch das Ganze
im Blick haben, Musizieren für einen guten Zweck - diese Ideen stehen
hinter dem Ökumenischen Kammerorchester, das sechs junge Tübinger
Musiker im vergangenen Dezember ins Leben gerufen haben. Am Sonntag gibt
das 40-köpfige Ensemble sein erstes Benefizkonzert.

„Wir möchten nicht einfach nur Musik machen, sondern wollen dadurch auch
etwas bewirken“, meint Cellist Felix Thiedemann, einer der
Hauptinitiatoren, der sich zurzeit auf die Aufnahmeprüfungen zum
Musikstudium vorbereitet. Zusammen mit Bratscher Arndt Feuerbacher hatte
Thiedemann in den letzten Jahren in diversen „Muckenorchestern“ gespielt
und irgendwann einmal gedacht: „Das können wir doch auch!“

So kamen die beiden auf die Idee, ein flexibles Projektorchester zu
gründen: Je nach Programm wird eine neue Besetzung zusammengestellt. Ein
kleiner Stamm organisiert und verwaltet das Orchester, einen ständigen
Dirigenten gibt es nicht. Am schwersten zu besetzten waren beim ersten
Anlauf allerdings gar nicht die typischen Orchester-Problemzonen wie
Hörner oder tiefe Streicher, sondern erstaunlicherweise die Violinen,
zwölf an der Zahl.

Zur intensiven Probenwoche vor dem Konzert am Sonntag kamen nun 40
Musiker zwischen 16 und 22 Jahren zusammen. Die meisten kennen sich vom
Jugend-Sinfonieorchester der Tübinger Musikschule, knapp die Hälfte
spielt auch in einem Schulorchester - etwa des Wildermuth-Gymnasiums,
das schon manchen zum Musikstudium gebracht hat: Klarinettistin Anna
Erchinger zum Beispiel, die aus Weimar zum „Ökumenischen“ Projekt
angereist ist.

Eine weitere Kontaktbörse ist das Landesjugendorchester. Hier laufen
viele Fäden zusammen. Durch Orchesterfreizeiten und Kurse im Kloster
Ochsenhausen ist über die Jahre ein beachtliches Netzwerk entstanden.
Über diese Wege kam das Orchester auch zu seinem ersten
Projektdirigenten Hannes Reich und zu Hornsolist Daniel Lohmüller, beide
studieren zurzeit an der Trossinger Musikhochschule. Das Ideal im
Orchester: Geben und Nehmen - auch Solist und Dirigent treten ohne
Honorar auf, dafür profitieren sie umgekehrt von der Praxiserfahrung.

Nicht jedes der sechs Gründungsmitglieder möchte Musik zu seinem
Brotberuf machen wie Felix Thiedemann oder Judith Hiller, die in Berlin
Violine studiert. Bratscher Bertrand Heitkamp hat sich für Jura
entschieden, Teresa Jakob für Psychologie. Arndt Feuerbacher studiert
International Business in Reutlingen und Violinistin Martina Eß an der
Pädagogischen Hochschule Karlsruhe.

Das Junge Orchester nimmt es ernst mit der „Ökumene“, agiert bewusst
überkonfessionell und interkulturell, ohne Berührungsängste, um
möglichst viele Seiten für eine gute Sache zusammenzubringen. Die
Neuapostolische Kirche und das Anthroposophische Fichtehaus stellen
Räume für Proben zur Verfügung. Auch zum Türkischen Verein hat das
Orchester Kontakt aufgenommen.

Die Einnahmen des ersten Benefizkonzerts kommen einem Projekt des
Tübinger DIFÄM (Deutsches Institut für Ärztliche Mission) zugute, das in
Tansania Ärzte und klinisches Personal schult. Das nächste Projekt des
Ökumenischen Kammerorchesters soll Ende der Sommersemesterferien
stattfinden. Längerfristig könnte aus dem Projektorchester durchaus eine
feste Institution werden. Mancher im Ensemble hegt große Ziele: eines
Tages Johann Sebastian Bachs h-moll-Messe. Aber auch schon das
allererste Konzertprogramm mit Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre, einem
Hornkonzert von Mozart und Schuberts Dritter zeugt ebenso von souveränem
Selbstbewusstsein wie von Stilsicherheit.

INFO Das Tübinger Ökumenische Kammerorchester unter Hannes Reich
musiziert am Sonntag, 11. März um 19 Uhr in der Eberhardskirche
zugunsten eines DIFÄM-Projekts. Auf dem Programm stehen Beethovens
„Coriolan“-Ouvertüre, Mozarts 2. Hornkonzert Es-Dur KV 417 (Solist:
Daniel Lohmüller), Elgars Streicherserenade und Schuberts 3. Sinfonie D-Dur.