Kritik Projekt 6 Schwäbisches Tagblatt


Oikomusica im Benefizkonzert

 

Tübingen. Seit seiner Gründung im Frühjahr 2007 konzertiert das Tübinger Projektorchester Oikomusica halbjährlich für einen guten Zweck. Bei seinem sechsten Projekt fiel die Wahl auf die Shanti Leprahilfe Dortmund. Am Sonntag im sehr gut besuchten Uni-Festsaal schilderte Herbert Grosspietsch, der die Hilfsorganisation 1992 zusammen mit seiner Frau ins Leben gerufen hat, die Situation im Einsatzgebiet Nepal. Nach hinduistischem Denken gilt die „Krankheit armer Leute“ als „Strafe der Götter für ein Vergehen“. Selbst vollständig geheilte Patienten bleiben von der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen, werden vertrieben oder gesteinigt. So leben heute in den Zentren und Wohnprojekten der Leprahilfe rund 1600 Menschen. Aus den organisations-eigenen Werkstätten hatte Grosspietsch für alle Orchestermitglieder Brokatherzen mitgebracht.

Wie schon bei vorangegangenen Oikomusica-Konzerten dirigierte der erst 23-jährige Justus Thorau, seit 2006 Student bei Nicolas Pasquet an der Musikhochschule Weimar. In Schostakowitschs „Festlicher Ouvertüre“ op. 96 schlug er ein straff federndes Tempo an, hielt dabei sicher die Balance zwischen echter Freude und satirischer Ironie. 1947 zum 30. Jahrestag der Oktoberrevolution komponiert und 1954 im Moskauer Bolschoi-Theater uraufgeführt, zeigt das Werk Schostakowitschs gebrochenes Verhältnis zum Sowjet-Regime: eine verzweifelte Gegenwehr der ideologisch genötigten Musik, die die Erben der Revolution mit aufgekratzten Zirkusfanfaren konfrontierte.

Solistin bei Mozarts viertem Violinkonzert D-Dur KV 218 war die 1983 geborene Karlotta Schmied. Die Schülerin von Anke Dill spielt derzeit im Staatsorchester Stuttgart. In den Ecksätzen gestaltete sie ihren Part mit klar konturierter Brillanz und vitaler Frische. Elan und melodische Verve statt neckischer Rokoko-Schnörkel. Liebliche, süße Töne waren in den Solo-Kadenzen zu hören. Das Andante cantabile führte Schmied mit erhaben weicher Geste wie eine Opernarie. Konzertmeisterin Judith Hiller, die Solistin immer im Blick, atmete ihre Phrasierungen mit.

Trotz kammermusikalischer Besetzung fehlte es im Orchester mitunter an Leichtigkeit. Sehr auf kleingliedrige Impulse und dialogische Interaktion gearbeitet, bekam vieles allzu bedeutungsschweren Nachdruck. Umso leichthändiger setzte Thorau zuletzt die Schlussakkorde.

Ein beachtlicher Wurf gelang Oikomusica mit Brahms’ Zweiter Symphonie, von Thorau auswendig dirigiert. Die Tempi waren über weite Strecken gemäßigt, ließen der musikalischen Entwicklung Zeit, behielten aber immer die Spannung. Wunderbar blühte im Kopfsatz das Seitenthema in den Celli auf, die Holzbläser spielten wie aus einem Guss, makellos das Streichertimbre, organisch die Crescendi im Blech. Ein Orchesterklang zum Hineinlegen, und zumal bei der Fluktuation im Projektorchester ein erstaunlich kontinuierlich gewachsener Klang. In jedem der vier Sätze überraschte der souveräne eigenständige Zugriff, die gekonnte und prägnante Formulierung abseits der Hörgewohnheiten.

Bei den beiden Konzerten im Tübinger Festsaal und in der Rottenburger Festhalle gingen insgesamt über 4000 Euro Spenden ein. ach

 

INFO: Spenden an die Shanti Leprahilfe Dortmund können auf das Konto 1 77 77 13 bei der Deutschen Bank Dortmund (440 700 24) eingezahlt werden.